Gute Nachrichten zum Weltkrebstag: Fruchtbarkeit lÀsst sich heute oft erhalten

Pressemitteilung

AnlĂ€sslich des Weltkrebstages braucht es neben AufklĂ€rung vor allem eines: gute Nachrichten. Eine davon ist, dass Patient*innen im fortpflanzungsfĂ€higen Alter heute deutlich bessere Möglichkeiten haben, ihre Fruchtbarkeit trotz einer lebensrettenden, aber fertilitĂ€tsschĂ€digenden Therapie zu bewahren. Moderne Methoden des Fruchtbarkeitserhalts – allen voran die Kryokonservierung von Eizellen, Spermien oder Gewebe – eröffnen realistische Perspektiven fĂŒr eine spĂ€tere eigene Familie.

„Die FertilitĂ€tsprotektion bedeutet immer auch den Blick nach vorne – sie steht fĂŒr Hoffnung auf ein gutes, normales Leben nach der Erkrankung“, sagt Martina Kollmann, GynĂ€kologin und Leiterin des Kinderwunschzentrums an der Univ.-Klinik fĂŒr Frauenheilkunde und Geburtshilfe am LKH-Univ. Klinikum Graz.

Das Thema FertilitĂ€tserhalt gewinnt stetig an Bedeutung. Einerseits, weil es immer mehr junge Krebspatient*innen gibt und diese immer bessere Chancen auf Heilung haben, andererseits, weil das Bewusstsein dafĂŒr bei Patient*innen wie auch bei Ärzt*innen deutlich gewachsen ist. Dementsprechend ist die AufklĂ€rung ĂŒber fertilitĂ€tserhaltende Maßnahmen heute fest in medizinischen Leitlinien, insbesondere bei onkologischen Behandlungen wie Strahlen- und Chemotherapie, verankert: Patient*innen mĂŒssen vor Beginn einer potenziell fertilitĂ€tsschĂ€digenden Therapie ĂŒber ihre Möglichkeiten informiert und beraten werden.

Diese GesprĂ€che verlaufen je nach konkreter Situation der Patient*innen individuell – vor allem bei Frauen. „Eine fixe Altersobergrenze gibt es nicht“, erklĂ€rt Kollmann. „Wenn die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist, kann FertilitĂ€tsprotektion auch bei Frauen ĂŒber 40 Thema sein. Entscheidend ist, realistisch ĂŒber Chancen und Grenzen aufzuklĂ€ren.“

Vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter

Auch nach unten gibt es keine starre Altersgrenze. Entscheidend ist, ob bereits reife Keimzellen gebildet werden und welches Verfahren alters- und situationsgerecht ist. Bei Buben ist eine Kryokonservierung möglich, sobald Samenzellen gewonnen werden können. Bei MĂ€dchen können mit Beginn der PubertĂ€t reife Eizellen eingefroren werden. Davor bzw. bei sehr jungen Patientinnen besteht die Möglichkeit, Eierstockgewebe zu kryokonservieren. 

Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die eine Krebsbehandlung hinter sich haben, ist das Risiko fĂŒr eine spĂ€tere EinschrĂ€nkung der Fruchtbarkeit erhöht: Etwa ein Drittel ist langfristig betroffen, nach besonders intensiven Therapien sogar mehr als zwei Drittel.

Die Erfahrung am Uniklinikum Graz zeigt: Auch junge Patient*innen nehmen das GesprĂ€chsangebot zur FertilitĂ€tsprotektion sehr positiv auf. „Viele Jugendliche sind dabei klar in ihren Vorstellungen“, so Kollmann. „Unsere Erfahrung ist, dass sich Jugendliche hĂ€ufig bewusst dafĂŒr entscheiden.“ Die Möglichkeit, Fruchtbarkeit zu bewahren, vermittelt gerade jungen Patient*innen eine wichtige Perspektive ĂŒber die akute Krankheitsphase hinaus – und damit ein StĂŒck NormalitĂ€t in einer sonst hoch belastenden Lebenssituation. Andere entscheiden sich ebenso bewusst dagegen, etwa, weil sie alternative Lebenswege fĂŒr sich sehen; auch fĂŒr diese Patient*innen ist es wichtig, dass die Optionen besprochen werden und das Angebot bestehen bleibt, sich jederzeit – auch nach Abschluss der Therapie – bei Fragen zur Fruchtbarkeit oder zum Zyklus an die behandelnden Stellen wenden zu können.

Ein besonders hoher Beratungsbedarf besteht bei Frauen, fĂŒr die die Familienplanung zeitlich eine Rolle spielt. Nach Abschluss der Krebstherapie können altersbedingte Faktoren die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich reduzieren. „Gerade diese Frauen sind sehr erleichtert, wenn wir das Thema aktiv ansprechen und sie fundiert beraten“, berichtet Kollmann.

Zeit ist ein entscheidender Faktor

Welche Methode angewendet wird, hĂ€ngt oft vom zeitlichen Spielraum vor Beginn der Krebstherapie ab. Stehen etwa zwei Wochen zur VerfĂŒgung, gilt die Entnahme und Kryokonservierung von Eizellen als Standardverfahren. Muss die Therapie hingegen sofort beginnen, kann Eierstockgewebe entnommen werden. 

„Die Kryotechniken haben sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt und damit verbunden auch das Überleben von Eizellen nach dem Einfrieren und Auftauen“, erklĂ€rt Kollmann.

Forschung schafft bessere Entscheidungsgrundlagen

Um die Risiken einzelner Therapien besser einschĂ€tzen zu können, beteiligt sich das Grazer Kinderwunsch-Zentrum an der FertiTOX-Studie. Ziel der Studie ist es, systematisch zu erfassen, wie stark verschiedene Medikamente und Therapien die Fruchtbarkeit tatsĂ€chlich beeintrĂ€chtigen. Denn nicht jede Chemotherapie ist automatisch hochgradig fertilitĂ€tsschĂ€digend. 

Die gewonnenen Daten fließen auch in das europĂ€ische Netzwerk FertiPROTEKT ein, das heuer sein 20-jĂ€hriges Bestehen feiert. Das Kinderwunsch-Zentrum am Uniklinikum Graz ist aktives Mitglied dieses Netzwerks. Pro Jahr wird hier bei 30 bis 40 Frauen sowie bei rund 50 MĂ€nnern eine Kryokonservierung ihrer Ei- bzw. Samenzellen durchgefĂŒhrt. 

Das Uniklinikum Graz ist die einzige Einrichtung in der KAGes, die Kryokonservierung anbietet. Aktuell werden rund 1.000 Eizellen, Embryonen beziehungsweise Proben von Eierstockgewebe sowie etwa 1.000 Samenzellenproben gelagert. FertilitÀtserhalt ist lÀngst nicht mehr nur ein Thema bei Krebserkrankungen. Auch andere Erkrankungen wie etwa Endometriose oder bestimmten Autoimmunerkrankungen bzw. ihre Therapien können die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen.

Forschungsprojekt FertiTOX

Wie stark schĂ€digen bestimmte Therapien tatsĂ€chlich die Fruchtbarkeit? 
Diese Frage steht im Fokus der Studie FertiTOXÂź, an der seit 2024 Patient*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz teilnehmen. Die Datenlage zu den fertilitĂ€tsschĂ€digenden Effekten vieler moderner Therapien ist bislang begrenzt. FertiTOXÂź soll helfen, Risiken besser einzuordnen und Patient*innen noch bessere Entscheidungsgrundlagen zu bieten. Die Studie ist eng mit dem Netzwerk FertiPROTEKT verknĂŒpft und leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung evidenzbasierter Leitlinien.

MĂ€nner weiter voraus – Frauen holen auf

WĂ€hrend das Einfrieren von Samenzellen seit Jahrzehnten etabliert ist, war die Kryokonservierung von Eizellen bis 2012 experimentell. Erst neue Gefriertechniken brachten den Durchbruch. Entsprechend besteht bei Frauen weiterhin AufklĂ€rungsbedarf – medizinisch wie gesellschaftlich. ErgĂ€nzend zur Kryokonservierung von Eizellen oder Gewebe nutzen viele Patientinnen die Möglichkeit der vorĂŒbergehenden medikamentösen Ruhigstellung der Eierstöcke („kĂŒnstliche Menopause“) wĂ€hrend der Chemotherapie. „Das nehmen fast alle Frauen zusĂ€tzlich in Anspruch, weil die Methode unkompliziert ist. Eine Spritze reicht dafĂŒr“, erklĂ€rt Kollmann. Wenn die Eierstöcke „schlafen“, sind sie weniger aktiv und damit weniger anfĂ€llig fĂŒr ChemoschĂ€den. Die Chance, nach der Therapie wieder einen normalen Zyklus zu bekommen und schwanger zu werden, steigt. „Die wissenschaftliche Evidenz ist allerdings begrenzt, weshalb wir diese Methode nicht als alleinige FertilitĂ€tsprotektion empfehlen.“

FertilitÀtserhalt ist LebensqualitÀt

Aktuelle Leitlinien betonen, dass der mögliche Verlust der Fruchtbarkeit von Betroffenen oft als Ă€hnlich belastend erlebt wird wie die Krebserkrankung selbst. InfertilitĂ€t bzw. ZeugungsunfĂ€higkeit kann die RĂŒckkehr in ein normales Leben massiv erschweren. 

„Viele Patient*innen erleben neben der Krebserkrankung auch den möglichen Verlust der Fruchtbarkeit als tiefgreifende zusĂ€tzliche Belastung, die ihre Zukunftsvorstellungen erheblich beeintrĂ€chtigt“, sagt Kollmann. Genau hier setzt die FertilitĂ€tsprotektion an. 

Sie ist mehr als eine medizinische Maßnahme – sie ist ein Zeichen dafĂŒr, dass nach dem Krebs ein Leben wartet.

FertilitĂ€tserhalt – was heute möglich ist

Beim Mann: 
Die Kryokonservierung von Spermien ist eine einfache, etablierte Standardmethode. Laut Leitlinien ist das Verfahren vor jeder potenziell fertilitÀtsschÀdigenden Therapie anzubieten. Bei mehr als 80 Prozent der Patienten kann erfolgreich ein Kryosamendepot angelegt werden. Schwangerschafts- und Geburtenraten sind bei Injektion des Spermiums direkt in die Eizelle vergleichbar mit jenen bei frischen Spermien.

Bei der Frau: 
Etablierte Methoden sind die Kryokonservierung von Eizellen oder Embryonen. Die Kryokonservierung von Ovarialgewebe erfolgt insbesondere dann, wenn wenig Zeit bis zum Start der Krebstherapie bleibt. Die hormonelle „kĂŒnstliche Menopause“ wird ergĂ€nzend eingesetzt. Die Leitlinien empfehlen eine Kombination. 

Bei welchen Erkrankungen wird Kryokonservierung am Uniklinikum Graz in Anspruch genommen? 
Mammakarzinom: 38 %, Lymphome: 19 %, Sarkome: 16 %, LeukĂ€mien: 6 %, Endometriose: 6 %, sonstige Erkrankungen (z. B. Colitis, Nephritis): 6 %, Gastrointestinale Tumoren: 3 %, Ovariale Tumoren (Keimzell-, Borderline-Tumor): 2 %, Gehirntumoren: 2 %, Myelodysplastisches Syndrom: 1 %, Zervixkarzinom: 1 

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Pressestelle des LKH-Univ. Klinikum Graz
Mag. Simone Pfandl-Pichler
Auenbruggerplatz 1, 8036 Graz

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