âInkontinenz ist nie normalâ: Warum der Beckenboden mehr Aufmerksamkeit verdient
Harnverlust beim Niesen. Ein DruckgefĂŒhl nach unten. Schmerzen im unteren RĂŒcken, die einfach nicht weggehen. Beschwerden wie diese betreffen vor allem Frauen, aber auch MĂ€nner sind nicht immer ausgenommen â gesprochen wird darĂŒber aber kaum. Zum Internationalen Urogynecology Awareness Day am 20. Februar erklĂ€ren Brigitta GrĂ€ssl und Nina Eller, Physiotherapeutinnen am UniversitĂ€ren Kontinenz- und Beckenbodenzentrum am Uniklinikum Graz, warum der Beckenboden die meistunterschĂ€tzte Muskelpartie unseres Körpers ist und warum ein zu angespannter Beckenboden ebenso problematisch ist wie ein zu schwacher. Nachzuhören auch in der aktuellen Folge unseres Podcasts âSprechstunde am Uniklinikumâ.
Inkontinenz ist kein Normalzustand.
Sie sollte immer Ă€rztlich abgeklĂ€rt werden â auch wenn sie nach einer Geburt vorĂŒbergehend auftreten kann.
Der Beckenboden ist ein Stressmuskel.
Chronischer Stress, Angst oder anhaltende Schmerzen erhöhen den Muskeltonus. Bleibt der Körper im âAlarmmodusâ, kann das Schmerzen, Entleerungsstörungen oder sogar Inkontinenz begĂŒnstigen.
Daueranspannung schadet der Durchblutung.
Ein Muskel, der stĂ€ndig unter Spannung steht, wird schlechter versorgt â Ă€hnlich wie bei Nackenverspannungen. Das erhöht die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Funktionsstörungen.
Nicht jedes Training ist automatisch sinnvoll.
Wer dauerhaft anspannt, ohne bewusst zu entspannen, riskiert Ăberlastung. Ein Beckenboden kann auch ĂŒbertrainiert werden.
Trainings-Gadgets sind nicht fĂŒr jede Ausgangslage geeignet.
Sogenannte Liebeskugeln werden oft als Lösung gegen BeckenbodenschwĂ€che beworben. Besteht jedoch bereits eine erhöhte Grundspannung, kann permanentes âHaltenâ Beschwerden verstĂ€rken.
Entspannung ist Teil der Therapie â nicht ihr Gegenteil.
Ein gesunder Beckenboden muss ebenso gut loslassen wie Kraft entwickeln können. In vielen FÀllen ist Entspannung der erste therapeutische Schritt.
Der Beckenboden besteht aus zwei Muskelsystemen.
Rund 30 Prozent sind Schnellkraftfasern fĂŒr reflexartige Reaktionen beim Husten oder Niesen. Etwa 70 Prozent sind Ausdauerfasern, die langfristig die Kontinenz sichern.
RĂŒckenschmerzen können ihren Ursprung im Beckenboden haben.
Bis zu 95 Prozent der Frauen mit chronischen Kreuzschmerzen zeigen auch eine Beckenbodendysfunktion.
Hormone beeinflussen die StabilitÀt.
Sinkt bei Frauen das Hormon Ăstrogen â etwa im Wochenbett oder in der Menopause â wird das Gewebe nachgiebiger und Inkontinenz tritt hĂ€ufiger auf.
âDer Beckenboden ist das Zentrum unseres Körpersâ, erklĂ€rt die Physiotherapeutin Brigitta GrĂ€ssl von der Univ.-Klinik fĂŒr Urologie. âEr ist stĂ€ndig aktiv â beim Husten, Niesen oder Heben, aber auch ganz unbewusst im Alltag.â Dass das keine Ăbertreibung ist, zeigt bereits seine zentrale anatomische Funktion: Der Beckenboden verschlieĂt das Becken nach unten und ist wie eine elastische HĂ€ngematte zwischen den Knochen aufgespannt. Anatomisch ist er dreidimensional aufgebaut und besteht aus mehreren eng miteinander vernetzten Muskelschichten. Dieser komplexe Muskelverbund stabilisiert das Becken, stĂŒtzt Blase und Darm sowie bei Frauen die GebĂ€rmutter, sichert die Kontinenz und spielt eine entscheidende Rolle fĂŒr Haltung, Atmung und SexualitĂ€t. âWenn der Beckenboden gut arbeitet, kann er sogar die QualitĂ€t des Orgasmus positiv beeinflussenâ, so GrĂ€ssl.
Wenn das Gleichgewicht verloren geht
Umso gravierender sind die Folgen, wenn dieses System aus dem Gleichgewicht gerĂ€t. Typische Anzeichen reichen von Harnverlust ĂŒber ein FremdkörpergefĂŒhl im Becken bis hin zu chronischen Kreuzschmerzen. Studien haben einen engen Zusammenhang zwischen RĂŒckenschmerzen und Beckenbodendysfunktionen aufgezeigt. âDas ist etwas, wo jede Frau genauer hinschauen sollteâ, sagt GrĂ€ssl. âDer Beckenboden beeinflusst die gesamte Körperachse. Wenn man Kreuzschmerzen hat, die trotz verschiedener Therapien nicht verschwinden, sollte man an den Beckenboden denken! Selbst HĂŒft- oder Knieschmerzen können damit zusammenhĂ€ngen.â
Inkontinenz ist kein Normalzustand
Ein zentrales Thema ist die Inkontinenz. âInkontinenz ist prinzipiell ein pathologischer Zustandâ, betont GrĂ€ssl. âSie ist kein Normalzustand â auch wenn sie nach einer Geburt vorĂŒbergehend auftreten kann.â HĂ€lt ein unwillkĂŒrlicher Harnverlust lĂ€nger als vier bis sechs Wochen an, sollte eine gynĂ€kologische oder urologische AbklĂ€rung erfolgen.
Schwangerschaft und Geburt: Ein Hochrisikomoment fĂŒr den Beckenboden
Gerade Schwangerschaft und vaginale Geburten stellen einen bedeutenden Risikofaktor fĂŒr den Beckenboden dar. âVor allem die erste vaginale Geburt ist ein sehr hoher Risikofaktor fĂŒr eine BeckenbodenschwĂ€cheâ, erklĂ€rt Eller. âIn der Schwangerschaft kommen Gewichtszunahme, hormonelle VerĂ€nderungen und eine verĂ€nderte Körperstatik zusammen. Das fordert den Beckenboden enorm.â Nach der Geburt sollte der Beckenboden daher auch nicht geschont, sondern gezielt rehabilitiert werden. âWir sind davon abgekommen, den Frauen nach der Geburt Ruhe und Schonung des Beckenbodens zu empfehlen.â Wer keine Schmerzen hat und keine Wundheilung abwarten muss, kann mit einfachen Ăbungen beginnen. âWir betrachten den geschwĂ€chten Beckenboden nach der Geburt heute Ă€hnlich wie eine Sportverletzung. Der Muskel muss gezielt wiederaufgebaut werden.â
Hormone als SchlĂŒssel: Warum Ăstrogen so wichtig ist
Hormonelle VerĂ€nderungen spielen fĂŒr die StabilitĂ€t des Beckenbodens eine zentrale Rolle. WĂ€hrend der Schwangerschaft sorgt ein hoher Ăstrogenspiegel fĂŒr weiches, dehnbares Gewebe. Nach der Geburt fĂ€llt der Hormonspiegel jedoch vorĂŒbergehend abrupt ab, in der Postmenopause fehlt das stĂŒtzende Ăstrogen schlieĂlich dauerhaft. âĂstrogen hat eine starke StĂŒtzfunktion im Bindegewebe, besonders im Bereich der Harnröhreâ, erklĂ€rt Eller. âFehlt es, werden die Strukturen schlaffer â und viele Frauen bemerken kleine Harntröpfchen als erste Symptome.â
Zu stark angespannt kann ebenso problematisch sein
Doch nicht nur eine SchwĂ€che bereitet Probleme. âEin Beckenboden kann auch ĂŒbertrainiert oder zu verspannt seinâ, sagt GrĂ€ssl. âWenn er stĂ€ndig unter Spannung steht, wird er schlechter durchblutet und kann Schmerzen verursachen â Ă€hnlich wie im Schulter-Nacken-Bereich.â Paradoxerweise kann auch ein ĂŒberhöhter Muskeltonus zu Inkontinenz fĂŒhren. Deshalb sei in der Therapie entscheidend, nicht nur Kraft aufzubauen, sondern auch gezielt Entspannung zu trainieren. âQualitĂ€t vor QuantitĂ€t ist das Um und Auf. Ein Muskel, der nur zusammengepresst wird, lernt seine eigentliche Funktion nicht.â
Entspannung lernen â ein unterschĂ€tzter Therapieschritt
Ein zentraler Bestandteil jeder Beckenbodenphysiotherapie ist deshalb die bewusste Wahrnehmung. âViele Menschen haben verlernt zu spĂŒren, wie sich ein entspannter Beckenboden anfĂŒhltâ, sagt Eller. Ein erster Schritt ist die Bauchatmung. Wer sich ruhig hinsetzt, die HĂ€nde auf den Bauch legt und bewusst tief ein- und ausatmet, aktiviert ĂŒber das Zwerchfell automatisch den Beckenboden. âWenn das Zwerchfell nach unten schwingt, nimmt es den Beckenboden mit. Das sorgt fĂŒr eine natĂŒrliche Mobilisation und bessere Durchblutung.â Darauf aufbauend kann eine kurze, sanfte Anspannung erfolgen â etwa indem man sich vorstellt, einen Wind fĂŒr wenige Sekunden zurĂŒckzuhalten â und anschlieĂend bewusst wieder loszulassen. Entscheidend ist der Wechsel. âDer Muskel braucht beides: AktivitĂ€t und Regeneration.â Vom regelmĂ€Ăigen Unterbrechen des Harnstrahls als âTrainingâ raten die Expertinnen ausdrĂŒcklich ab. âDas stört die feine Abstimmung zwischen Gehirn und Blase und kann die Blasengesundheit schĂ€digenâ, so GrĂ€ssl.
Warum nicht jedes Trainings-Gadget sinnvoll ist
In sozialen Medien und Lifestyle-Magazinen werden immer wieder Hilfsmittel wie sogenannte Liebeskugeln als einfache Lösung propagiert. Die Expertinnen sehen das differenziert. âWir sind bei solchen Gadgets vorsichtigâ, sagt GrĂ€ssl. âWenn die Muskulatur ohnehin zu viel Spannung hat, kann permanentes Anspannen die Beschwerden verstĂ€rken.â Besser geeignet sind spezielle Apps fĂŒr Beckenbodentraining. Wichtig ist, dass das Training immer nach einer fundierten Einschulung erfolgt.
MĂ€nner sind ebenfalls betroffen
Auch MĂ€nner können von einer BeckenbodenschwĂ€che betroffen sein, insbesondere nach Prostataoperationen. âHier geht es nicht nur um Kontinenz, sondern auch um die Sexualfunktion.
Eine gezielte physiotherapeutische Begleitung ist enorm wichtig und kann entscheidend zur LebensqualitĂ€t beitragenâ, betonen die Expertinnen. âIch als âMĂ€nnertherapeutinâ unterstĂŒtze mit meinen Fingern direkt am Beckenboden die Wahrnehmung der Patienten â und kann dabei selbst spĂŒren, wie die QualitĂ€t der Spannung istâ, sagt GrĂ€ssl.
Die zentrale Botschaft: Hinschauen und gezielt handeln
Die Botschaft zum Internationalen Urogynecology Awareness Day ist klar: Beschwerden im Beckenbodenbereich sind hĂ€ufig â aber sie sind behandelbar. âEs ist nie zu spĂ€t, etwas zu tun und mit dem Training zu beginnenâ, so die Expertinnen. Entscheidend sei in Sachen Beckenbodentraining immer eine fundierte Einschulung, damit man die richtigen Muskeln trainiert. Hat man das Ansteuern der richtigen Muskeln gelernt, kann und soll man das Training zuhause regelmĂ€Ăig fortsetzen.
Seit 2015 besteht am Uniklinikum Graz ein interprofessionelles und interdisziplinĂ€res Beckenbodenzentrum. Es vereint medizinische und therapeutische Expertise unter einem Dach. Beteiligt sind FachĂ€rzt*innen aus Urologie, GynĂ€kologie und Geburtshilfe, Chirurgie, Kinderchirurgie sowie Expert*innen aus Physiotherapie, Psychologie, DiĂ€tologie und Kontinenz- und Stomaberatung. Patient*innen mit komplexen Krankheitsbildern werden ĂŒber fachĂ€rztliche Zuweisung im interdisziplinĂ€ren Setting vorgestellt und gemeinsam betreut. Weitere Infos: UniversitĂ€res Kontinenz- und Beckenbodenzentrum
Eine Liste mit Physiotherapeut*innen, die auf Beckenboden spezialisiert sind.
Podcast âSprechstunde am Uniklinikumâ: #84 | Beckenboden: Training, Fakten und Mythen | Sprechstunde am Uniklinikum
Presseanfragen
Pressestelle des LKH-Univ. Klinikum Graz
Mag. Simone Pfandl-Pichler
Auenbruggerplatz 1, 8036 Graz
Telefon: +43 316 385-87791
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