Kulturwandel im OP: âPeerVisionâ stĂ€rkt psychische Gesundheit
Mit âPeerVisionâ startet an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr OrthopĂ€die und Traumatologie erstmals ein strukturiertes Peer-Support-System fĂŒr Ărztinnen und Ărzte. Das Pilotprojekt ergĂ€nzt die bestehenden psychosozialen und psychologischen UnterstĂŒtzungsangebote am Uniklinikum Graz um einen besonders niederschwelligen und vertraulichen Zugang. Ărztinnen und Ărzte erhalten nach belastenden Ereignissen UnterstĂŒtzung unmittelbar im eigenen Team. Ziel ist es, psychische Belastungen frĂŒhzeitig zu erkennen und aufzufangen und einen offenen Umgang mit belastenden Ereignissen im Klinikalltag zu fördern.
Den AnstoĂ fĂŒr das Projekt gab ein einschneidendes Erlebnis innerhalb des Teams. Dabei wurde deutlich, wie wichtig ein geschĂŒtzter Raum ist, in dem emotionale Belastungen frĂŒhzeitig angesprochen und aufgefangen werden können. âDieses Ereignis hat allen noch einmal vor Augen gefĂŒhrt, dass nicht jede psychische Belastung von auĂen sichtbar ist. Viele Betroffene erfĂŒllen ihren Berufsalltag weiterhin mit hoher ProfessionalitĂ€t, obwohl sie innerlich stark belastet sindâ, erzĂ€hlt die Klinische Psychologin Leonie Rath von der Klinischen Abteilung fĂŒr Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikum Graz, die das Pilotprojekt gemeinsam mit der Leitung der Univ.-Klinik fĂŒr OrthopĂ€die und Traumatologie (OT) konzipiert hat und auch fachlich begleitet.
Ein solches PhÀnomen beschreibt die internationale Forschung als sogenanntes Second-Victim-PhÀnomen. Darunter versteht man die psychischen Belastungen, die BeschÀftigte im Gesundheitswesen nach unerwarteten Komplikationen, TodesfÀllen oder anderen schwerwiegenden Ereignissen erleben können. Belastende Ereignisse lassen sich im Klinikalltag nicht verhindern. Entscheidend ist, wie mit ihnen umgegangen wird.
âPeerVisionâ umfasst acht speziell geschulte Ărztinnen und Ărzte aus dem OT-Team â bewusst aus unterschiedlichen hierarchischen Ebenen â, die ihren Kolleg*innen als Peers zur Seite stehen. âWir merken, dass das Angebot Schritt fĂŒr Schritt hĂ€ufiger genutzt wird. Als Ărztin oder Arzt möchte man stark sein und funktionieren. Sich einzugestehen, dass einen ein Ereignis belastet, fĂ€llt vielen nicht leicht. Umso wichtiger ist es, einen geschĂŒtzten Raum dafĂŒr zu schaffen. Als Peers möchten wir einen sicheren Hafen bietenâ, sagt Dr. Silvia Zötsch, OberĂ€rztin an der OT, die auch als Traumaleaderin im Zentrum fĂŒr Akutmedizin (ZAM) im Einsatz ist. Seit einigen Wochen ist sie eine der geschulten acht Peers.
Auch Dr. Maximilian Sagmeister, Ass.-Arzt an der OT, gehört zum Peer-Team. âJede Medizinerin und jeder Mediziner erlebt im Laufe der Karriere Situationen, die einen einfach nicht mehr loslassen. FrĂŒher hat man versucht, damit alleine zurechtzukommen. Heute wissen wir, dass ein offenes GesprĂ€ch kein Zeichen von SchwĂ€che ist, sondern hilft, wieder mit klarem Kopf fĂŒr die Patientinnen und Patienten da zu seinâ, erklĂ€rt er.
FĂŒr Leonie Rath liegt genau darin die besondere StĂ€rke des Projekts: âDie Peers ersetzen keine Psychotherapie und keine klinisch-psychologische Behandlung. Sie schaffen jedoch einen niederschwelligen und vertrauensvollen Zugang. Viele Betroffene sprechen mit Kolleginnen und Kollegen Dinge an, die sie sonst vielleicht lange mit sich allein ausmachen wĂŒrden. Genau dieses frĂŒhe GesprĂ€ch kann viel dazu beitragen, psychische Belastungen rechtzeitig aufzufangen.â
Mehr als ein GesprÀch am Kaffeeautomaten
Bei âPeerVisionâ kommt die UnterstĂŒtzung von Kolleg*innen, die die Anforderungen des Arbeitsalltags aus eigener Erfahrung kennen. Dieses gemeinsame VerstĂ€ndnis schafft ein besonderes Vertrauen und erleichtert vielen Betroffenen den ersten Schritt, ĂŒber das Erlebte zu sprechen. Ein solches Peer-GesprĂ€ch geht dabei weit ĂŒber einen spontanen Austausch am Kaffeeautomaten hinaus. Die Peers sind speziell geschult, unterliegen der Verschwiegenheitspflicht und bringen ihre eigenen Erfahrungen aus belastenden Situationen mit ein.
Ein zentraler Bestandteil der Ausbildung ist das aktive Zuhören â ohne vorschnell zu bewerten oder Lösungen anzubieten. Als Peer lernt man, Belastungsreaktionen frĂŒhzeitig wahrzunehmen, schwierige oder schambehaftete Themen einfĂŒhlsam anzusprechen. Die Peers wissen, wann kollegiale UnterstĂŒtzung endet und weiterfĂŒhrende psychosoziale, psychologische oder medizinische Hilfe notwendig ist.
Erste VerĂ€nderungen zeigen sich bereits im Team, erzĂ€hlt Leonie Rath. Nach Angaben der Peers wird bereits hĂ€ufiger offen nach der tatsĂ€chlichen Befindlichkeit gefragt. Gleichzeitig wĂ€chst die Bereitschaft, Belastungen ernst zu nehmen und Kolleg*innen aktiv zu unterstĂŒtzen.
Professionelle Begleitung fĂŒr alle Beteiligten
âPeerVisionâ ist Teil eines mehrstufigen UnterstĂŒtzungssystems. Zeigt sich in einem Peer-GesprĂ€ch, dass kollegiale UnterstĂŒtzung nicht ausreicht, wird rasch und niederschwellig an geeignete psychologische, psychotherapeutische oder medizinische Angebote weitervermittelt.
Auch die Peers selbst werden im Rahmen von âPeerVisionâ professionell begleitet. RegelmĂ€Ăige Supervisionen mit Leonie Rath bieten Raum, schwierige GesprĂ€chssituationen gemeinsam zu reflektieren und die eigene Rolle weiterzuentwickeln. Fachlich begleitet wird das Projekt auch von der Leiterin der Klinischen Abteilung fĂŒr Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie, Univ.-Prof.in Dr.in Jolana Wagner-Skacel, sowie von Raths Kollegen Dr. GĂŒnter Herzog. Gemeinsam unterstĂŒtzen sie die Peers dabei, ihre Rolle professionell auszuĂŒben, die eigenen Grenzen zu erkennen und langfristig selbst psychisch gesund zu bleiben.
Wenn Offenheit zur StÀrke wird
FĂŒr Univ.-Prof. Dr. Andreas Leithner, TumororthopĂ€de und Mitinitiator des Projekts, ist âPeerVisionâ weit mehr als ein UnterstĂŒtzungsangebot. âWir möchten eine Kultur fördern, in der es selbstverstĂ€ndlich ist, ĂŒber belastende Erlebnisse zu sprechen und sich UnterstĂŒtzung zu holen. Gerade dort, wo schwierige Behandlungssituationen zum Berufsalltag gehören, braucht es Strukturen, um die BeschĂ€ftigten auch psychisch zu stĂ€rken.â
Langfristig soll das Pilotprojekt auch anderen Kliniken und Berufsgruppen als Vorbild dienen. Voraussetzung dafĂŒr sind ein entsprechender Bedarf und der Wunsch, vergleichbare teaminterne UnterstĂŒtzungssysteme aufzubauen.
Vor diesem Hintergrund unterstreicht Leonie Rath die Bedeutung einer offenen GesprĂ€chskultur: âKein Mensch bleibt nach einem belastenden Ereignis gĂ€nzlich unberĂŒhrt. Entscheidend ist, dass niemand mit seinen Belastungen alleine bleiben muss. Ein Team, das sich gegenseitig stĂŒtzt und auch Verletzlichkeit zulĂ€sst, arbeitet langfristig prĂ€ziser, sicherer und empathischer fĂŒr seine Patientinnen und Patienten. Psychische StabilitĂ€t ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung dafĂŒr, dass Menschen ihren Beruf langfristig gesund ausĂŒben können.â
Den dafĂŒr notwendigen Kulturwandel bringt Leithner auf den Punkt: âWir mĂŒssen weg vom Mythos der Unfehlbarkeit. Wirkliche ProfessionalitĂ€t zeigt sich darin, Belastungen offen anzusprechen, bevor sie zur Ăberforderung fĂŒhren. Das ist ein echter Kulturwandel, ganz besonders in den chirurgischen FĂ€chernâ, ist er ĂŒberzeugt.
UnterstĂŒtzung nach belastenden Ereignissen
Am LKH-Univ. Klinikum Graz stehen allen Mitarbeiter*innen verschiedene Angebote zur VerfĂŒgung, um belastende Ereignisse professionell aufzuarbeiten. Dazu zĂ€hlen:
- fachliche und medizinische Nachbesprechungen belastender Ereignisse im Team
- zeitnahe psychologische EntlastungsgesprÀche in Krisensituationen
- psychologische beziehungsweise psychotherapeutische UnterstĂŒtzung
- Angebote verschiedener Abteilungen und Stabsstellen zur Förderung der psychischen Gesundheit
- bei Bedarf UnterstĂŒtzung durch die psychiatrische Ambulanz
- ĂŒbergeordnete Initiativen wie âMindMattersâ
- In Planung befinden sich weitere Schulungsangebote, darunter ein E-Learning-Modul zur Mitarbeiter*innenunterstĂŒtzung nach GroĂschadensereignissen
âPeerVisionâ ergĂ€nzt diese Angebote unmittelbar im Arbeitsalltag. Das Besondere: Speziell geschulte Kolleg*innen aus dem eigenen Team stehen nach belastenden Ereignissen als erste Ansprechpersonen zur VerfĂŒgung.
Ein Fall â so funktioniert PeerVision
- belastendes Ereignis
Schwere Komplikation im OP, Todesfall oder belastender Schockraumeinsatz
- freiwillige Kontaktaufnahme
Betroffene wenden sich bei Bedarf an einen Peer. Nur in AusnahmefÀllen geht die Kontaktaufnahme vorsichtig von einem Peer aus.
- vertrauliches Peer-GesprÀch
Das Erlebte wird in einem geschĂŒtzten Rahmengemeinsam eingeordnet. Ziel ist es, Belastungen frĂŒhzeitig aufzufangen.
- weitere UnterstĂŒtzung bei Bedarf
Reicht der Austausch mit einem Peer nicht aus, wird rasch und unkompliziert an geeignete psychologische, psychotherapeutische oder medizinische Angebote innerhalb des Uniklinikum Graz vermittelt.
- Begleitung der Peers
RegelmĂ€Ăige Intervision und Supervision sichern die QualitĂ€t des Angebots und schĂŒtzen auch die Peers vor Ăberlastung.
Presseanfragen
Pressestelle des LKH-Univ. Klinikum Graz
Mag. Simone Pfandl-Pichler
Auenbruggerplatz 1, 8036 Graz
Telefon: +43 316 385-87791
Fax: +43 316 385-16942
Downloads
Abdruck kostenfrei unter korrekter Angabe des Fotocredits: