Bei der Prostata-OP liegen die Nerven blank

Pressemitteilung

Der Krebs soll weg – doch was bedeutet die Operation fĂŒr Potenz und Kontinenz? Diese Frage beschĂ€ftigt viele MĂ€nner mit Prostatakrebs. Am Uniklinikum Graz helfen moderne Roboterchirurgie und eine spezielle Gewebeuntersuchung wĂ€hrend der Operation dabei, den Tumor möglichst vollstĂ€ndig zu entfernen und gleichzeitig die fĂŒr die Potenz wichtigen Nerven nach Möglichkeit zu schonen. Ein dritter DaVinci-Operationsroboter schafft ab Anfang November zusĂ€tzliche OP-KapazitĂ€ten.

Ein Arzt mit Bart und weißem Kittel steht neben einem Ă€lteren Patienten, der auf einer Untersuchungsliege sitzt. Beide lĂ€cheln in die Kamera. Im Hintergrund sind ein UltraschallgerĂ€t, Monitore und weitere medizinische GerĂ€te zu sehen.
Eine Woche nach seiner Prostataoperation ist Johann Kirisits (68) aus Stainz zur Nachkontrolle am Uniklinikum Graz. Mit ihm im Bild: Univ.-Prof. Dr. Sascha Ahyai, Vorstand der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie. | ©Uniklinikum Graz / Walcher

Als wir Dr. Med.univ Johann Kirisits (68) am Uniklinikum Graz treffen, liegt seine Prostataoperation gerade einmal eine Woche zurĂŒck. Heute stehen die Entfernung des Katheters und die anschließende Physiotherapie auf dem Programm. Bei dem Zahnarzt aus Bad Gams war Prostatakrebs in einem frĂŒhen Stadium diagnostiziert worden – die hĂ€ufigste Krebserkrankung bei MĂ€nnern in Österreich. FĂŒr Kirisits und seine Frau war nach der Diagnose klar: Der Tumor sollte entfernt werden. Doch auch die Frage, wie es danach mit der Potenz weitergehen wĂŒrde, beschĂ€ftigte die beiden. DarĂŒber sprachen sie ausfĂŒhrlich mit Univ.-Prof. Dr. Sascha Ahyai, Vorstand der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie am Uniklinikum Graz, und Physiotherapeutin Brigitta GrĂ€ĂŸl, die auf Beckenbodentherapie spezialisiert ist.

Wenn Millimeter ĂŒber die Potenz entscheiden

Bei Kirisits wurde eine sogenannte radikale Prostatektomie durchgefĂŒhrt: Dabei werden die gesamte Prostata und die SamenblĂ€schen entfernt. Unmittelbar an der Prostata verlaufen feine NervengefĂ€ĂŸbĂŒndel, die fĂŒr die ErektionsfĂ€higkeit wichtig sind. Auch der 
Harnröhrenschließmuskel liegt ganz in der NĂ€he. FĂŒr die Chirurg*innen bedeutet das: Der Krebs muss möglichst vollstĂ€ndig entfernt werden, gleichzeitig soll möglichst viel gesundes Gewebe erhalten bleiben.

Nahaufnahme eines Chirurgen bei der Bedienung eines Da-Vinci-Operationsroboters. Seine HÀnde steuern zwei spezielle Bedienelemente an der Konsole, mit denen die Instrumente des Roboters prÀzise bewegt werden können.
Im November 2026 wird am Uniklinikum Graz der dritte DaVinci-Roboter in Betrieb genommen | ©Uniklinikum Graz / Kanizaj

Dabei hilft der DaVinci-Operationsroboter. Er liefert eine bis zu zehnfach vergrĂ¶ĂŸerte, dreidimensionale Sicht auf das Operationsgebiet. Seine beweglichen Instrumente lassen sich auch auf engstem Raum prĂ€zise fĂŒhren. So können die fĂŒr Potenz und Kontinenz wichtigen Strukturen besonders schonend prĂ€pariert werden. Entsprechend aktueller Studien wie auch der Erfahrung von Ahyai können Patienten nach einer roboterassistierten Operation ihre ErektionsfĂ€higkeit und die Kontrolle ĂŒber die Blase schneller wiedererlangen als nach einem offenen Eingriff.

Doch auch die hochprĂ€zise Technik hat ihre Grenzen. „Die Erektionsnerven sind so fein, dass wir sie auch mit dieser VergrĂ¶ĂŸerung nicht einzeln erkennen können“, erklĂ€rt Ahyai. Deshalb wird das Gewebe, in dem die Nerven verlaufen, besonders vorsichtig von der Prostata gelöst. „Wir operieren hier auf einem schmalen Grat.“

Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von Technik und chirurgischem Können. Denn der Roboter operiert nicht selbst: Die Chirurg*innen steuern die Instrumente ĂŒber eine Konsole. „Die ideale Kombination ist der Roboter zusammen mit einem erfahrenen, talentierten Chirurgen“, betont Ahyai, der selbst seit 2012 robotisch operiert.

Nervenschonung: Die Entscheidung fÀllt im OP

Wie schmal dieser Grat ist, zeigt sich vor allem dann, wenn der Tumor nahe an den Erektionsnerven liegt. Ob die zunĂ€chst geschonten NervengefĂ€ĂŸbĂŒndel tatsĂ€chlich erhalten bleiben können, lĂ€sst sich mithilfe einer speziellen Gewebeuntersuchung noch wĂ€hrend der Operation besser beurteilen. Diese Untersuchung ist Teil des sogenannten NeuroSAFE-Verfahrens.

Noch wĂ€hrend der Patient auf dem Operationstisch liegt, untersucht die Pathologie mittels großflĂ€chiger Schnellschnitte die fĂŒr die Nervenschonung entscheidenden SchnittrĂ€nder der entfernten Prostata auf Krebszellen. Sind die untersuchten SchnittrĂ€nder tumorfrei, können die geschonten NervengefĂ€ĂŸbĂŒndel in der Regel erhalten bleiben. Werden hingegen Krebszellen entdeckt, können die Chirurg*innen noch wĂ€hrend des Eingriffs zusĂ€tzliches Gewebe entfernen – falls notwendig auch die zunĂ€chst geschonten NervengefĂ€ĂŸbĂŒndel.

Das Verfahren erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und Pathologie. Denn die rasche Gewebeuntersuchung liefert wichtige Informationen, auf deren Grundlage die Operateur*innen noch wÀhrend des Eingriffs reagieren können. Dieses Schnellschnittverfahren wird am Uniklinikum Graz seit der Berufung von Ahyai im November 2021 angewendet.

Bei mehr als 80 Prozent der radikalen Prostatektomien an der Grazer UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie können die Erektionsnerven geschont werden. Auch fortgeschrittenem Prostatakrebs gelingt das laut Ahyai in einigen FĂ€llen. Dass eine zusĂ€tzliche Gewebeuntersuchung wĂ€hrend der Operation die Chancen auf eine bessere ErektionsfĂ€higkeit erhöhen kann, zeigt die 2025 veröffentlichte britische NeuroSAFE-PROOF-Studie. Eine Garantie fĂŒr den Erhalt der Potenz ist das allerdings nicht: Auch geschonte Nerven können durch die Operation beeintrĂ€chtigt werden. Ihre Erholung braucht oft Monate, manchmal lĂ€nger. „Man darf nicht vergessen, dass es sich um eine Krebsoperation handelt“, betont Ahyai. Die vollstĂ€ndige Entfernung des Tumors hat immer Vorrang.

NeuroSAFE: Nervenschonung mit Sicherheitscheck im OP

Das Ziel: Bei einer Prostatakrebsoperation sollen möglichst viele der fĂŒr die Erektion wichtigen Nerven erhalten bleiben, ohne die vollstĂ€ndige Tumorentfernung zu gefĂ€hrden.

Das Verfahren: Nach der möglichst nervenschonenden Entfernung der Prostata untersucht die Pathologie noch wÀhrend der Operation die SchnittrÀnder des entnommenen Organs auf Krebszellen.

Die Entscheidung: Sind die untersuchten SchnittrĂ€nder tumorfrei, können die geschonten NervengefĂ€ĂŸbĂŒndel in der Regel erhalten bleiben. Werden Krebszellen nachgewiesen, kann der Chirurg noch wĂ€hrend desselben Eingriffs zusĂ€tzliches Gewebe entfernen.

Der Nutzen: Das Verfahren unterstĂŒtzt die Entscheidung, wie weit die Nervenschonung im Einzelfall gehen kann. Studien zeigen, dass NeuroSAFE die Chancen auf eine bessere Erektionsfunktion nach der Operation erhöhen kann.

Eine lĂ€chelnde Physiotherapeutin in hellvioletter Dienstkleidung sitzt auf einem tĂŒrkisfarbenen Gymnastikball und hĂ€lt ein anatomisches Beckenmodell in den HĂ€nden. Neben ihr steht eine grĂŒne Therapieliege.
Brigitta GrĂ€ĂŸl, Physiotherapeutin an der Univ.-Klinik fĂŒr Urologie, betreut Patienten vor und nach einer Prostatektomie | ©Uniklinikum Graz / Kanizaj

Beckenbodentraining beginnt schon vor der OP

Nicht nur die Potenz, auch die Kontrolle ĂŒber die Blase ist fĂŒr viele MĂ€nner ein sensibles Thema. Denn die Prostata liegt unmittelbar neben dem Schließmuskel, der dafĂŒr sorgt, dass der Urin in der Blase bleibt. Nach der Operation kann seine Funktion vorĂŒbergehend beeintrĂ€chtigt werden. Bei ungewollten Harnverlust, etwa beim Aufstehen, Husten oder Heben sprechen die Fachleute von einer Belastungsinkontinenz.

Am Uniklinikum Graz beginnt das Beckenbodentraining bereits vor der Operation. In einer rund einstĂŒndigen Schulung erklĂ€rt Physiotherapeutin Brigitta GrĂ€ĂŸl anhand eines Modells, wie der Beckenboden funktioniert, und ĂŒbt mit den Patienten das gezielte Anspannen der Muskeln.

Das klingt einfacher, als es ist: Viele MĂ€nner wissen zunĂ€chst gar nicht, welche Muskeln sie aktivieren sollen. Deshalb kontrolliert GrĂ€ssl – sofern die Patienten damit einverstanden sind – durch gezieltes Abtasten mit der Hand, ob tatsĂ€chlich die richtige Muskulatur arbeitet. Nach der Operation, insbesondere nach der Katheterentfernung, wird das Training angepasst und zu Hause fortgesetzt. Auch fĂŒr Johann Kirisits steht nach der Entfernung seines Katheters die Physiotherapie auf dem Programm.

Auch ĂŒber Sex wird gesprochen

Ein weiteres Thema, das GrĂ€ĂŸl bei der Nachsorge ganz selbstverstĂ€ndlich anspricht, ist die SexualitĂ€t. Wichtig sei, möglichst frĂŒh wieder mit sexueller Stimulation zu beginnen, sobald dies medizinisch möglich ist. „Je frĂŒher, desto besser. Alles, was an zwischenmenschlichem Zusammensein möglich ist, bitte starten! Streicheln, schmusen, einfach genießen“, ermutigt sie ihre Patienten. Dabei geht es zunĂ€chst nicht um LeistungsfĂ€higkeit oder Geschlechtsverkehr, sondern darum, sexuelle Empfindungen wieder zuzulassen und Vertrauen in die eigene SexualitĂ€t zu gewinnen. Denn auch wenn die Erektionsnerven geschont werden konnten, brauchen sie manchmal Zeit, um sich von der Operation zu erholen.

Auch Medikamente oder andere Hilfsmittel können bei Erektionsproblemen helfen – selbst dann, wenn die Nerven nicht geschont werden konnten. Was sich dauerhaft verĂ€ndert: Nach der vollstĂ€ndigen Entfernung von Prostata und SamenblĂ€schen kommt es beim Orgasmus zu keinem Samenerguss mehr. Ein Orgasmus ist dennoch weiterhin möglich – als sogenannter trockener Orgasmus.

PortrÀt einer lÀchelnden Frau mit blondem Bob und roter Brille. Sie trÀgt pinkfarbene Pflegekleidung und blickt direkt in die Kamera. Der Hintergrund ist hell und unscharf.
DGKP Brigitte Amon, Stationsleiterin an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie am Uniklinikum Graz | ©Uniklinikum Graz / Kanizaj

Nach gut drei Tagen wieder zu Hause

Dank des OP-Roboters ist auch der Spitalsaufenthalt deutlich kĂŒrzer geworden: 2021 blieben Patienten nach einer offen chirurgischen radikalen Prostatektomie ohne zusĂ€tzliche Beckenlymphknotenentfernung durchschnittlich noch zwölf Tage im Spital, 2025 waren es nur noch 3,4 Tage. Neben der minimalinvasiven Operationstechnik haben dazu auch Verbesserungen der BehandlungsablĂ€ufe beigetragen.

Wie sehr sich die Situation fĂŒr die Patienten verĂ€ndert hat, weiß DGKP Brigitte Amon, Stationsleiterin an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie am Uniklinikum Graz, aus langjĂ€hriger Erfahrung: „Als ich in der Urologie angefangen habe, mussten Patienten nach einer radikalen Prostataentfernung noch 14 Tage Bettruhe einhalten. Erst danach begann die Mobilisation.

Heute stehen manche bereits am Abend der Operation wieder auf, weil sie sich schon so gut erholt haben. Am nĂ€chsten Tag können die meisten ihre Körperpflege bereits selbststĂ€ndig durchfĂŒhren. Und viele sind am dritten Tag nach der Operation so fit und stabil, dass sie nach Hause entlassen werden können. Auch die Schmerzen sind deutlich geringer: Manche brauchen bei der Entlassung ĂŒberhaupt keine Schmerzmittel mehr. Es ist wirklich beeindruckend, was sich durch die roboterassistierte Chirurgie fĂŒr unsere Patienten verbessert hat!“

Dritter DaVinci: KapazitĂ€t fĂŒr rund 200 zusĂ€tzliche Eingriffe

Die Grazer UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie ist die grĂ¶ĂŸte urologische Klinik Österreichs. Nahezu alle radikalen Prostatektomien werden hier inzwischen roboterassistiert durchgefĂŒhrt. Die Zahl dieser Eingriffe ist deutlich gestiegen: 2021 waren es rund 80, 2025 bereits mehr als 200. Mit dem steigenden Bedarf und dem wachsenden Einzugsgebiet der Klinik stoßen die vorhandenen OperationskapazitĂ€ten zunehmend an ihre Grenzen.

Am 2. November 2026 nimmt das Uniklinikum Graz seinen dritten DaVinci-Operationsroboter in Betrieb. Der erste wurde 2021 angeschafft, der zweite folgte 2024. Mit dem neuen System stehen der Urologie kĂŒnftig zwei zusĂ€tzliche Operationstage pro Woche zur VerfĂŒgung. Damit können nach EinschĂ€tzung von Ahyai jĂ€hrlich rund 200 zusĂ€tzliche urologische Eingriffe durchgefĂŒhrt werden. 

Das Einsatzgebiet der roboterassistierten Chirurgie reicht weit ĂŒber Prostataoperationen hinaus. Auch komplexe Eingriffe wie die Entfernung der Harnblase mit anschließendem Ersatz durch eine neue Blase aus körpereigenem DĂŒnndarm gehören zum Spektrum. DarĂŒber hinaus werden in Graz anspruchsvolle rekonstruktive Eingriffe am Harntrakt, etwa am Harnröhrenschließmuskel, roboterassistiert durchgefĂŒhrt.

Johann Kirisits hat seine Operation gut ĂŒberstanden. Sein nĂ€chstes Ziel: wieder aufs Rad steigen. Damit muss sich der begeisterte Radfahrer allerdings noch etwas gedulden.

Dritter DaVinci am Uniklinikum Graz: Zahlen und Fakten

2021 erhielt das Uniklinikum Graz seinen ersten DaVinci-Operationsroboter. Der zweite folgte 2024, der dritte wird am 2. November 2026 in Betrieb gehen.

Rund 200 zusĂ€tzliche urologische Eingriffe pro Jahr soll der dritte DaVinci ermöglichen. DafĂŒr stehen der Urologie kĂŒnftig zwei zusĂ€tzliche OP-Tage pro Woche zur VerfĂŒgung.

844 roboterassistierte Operationen wurden 2025 am gesamten Uniklinikum durchgefĂŒhrt, davon 402 an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie, 296 in der Chirurgie und 146 in der GynĂ€kologie. 2026 (JĂ€nner bis September) waren es 756 Eingriffe, davon 367 in der Urologie.

Nahezu 100 Prozent der radikalen Prostatektomien an der Grazer UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie erfolgen roboterassistiert.

Bei mehr als 80 Prozent der Prostataoperationen an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Urologie können die Erektionsnerven zumindest einseitig erhalten werden.

Von 12 auf 3,4 Tage sank die durchschnittliche stationÀre Aufenthaltsdauer bei radikalen Prostatektomien ohne zusÀtzliche Beckenlymphknotenentfernung zwischen 2021 und 2025.

Presseanfragen

Pressestelle des LKH-Univ. Klinikum Graz
Mag. Simone Pfandl-Pichler
Auenbruggerplatz 1, 8036 Graz

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